Raum der Stille

2015

Gutachten Universität Göttingen

 

Der Raum der Stille soll vor allem als Raum erlebbar werden. Denn das ist es, was alle Religionen gemeinsam haben: Ihre Synagogen, Moscheen, Kirchen oder Tempel finden immer einen ganz besonderen Ausdruck durch ihr Raumerlebnis.
Der vorgefundene Raum hat zwei Dinge, die dabei helfen, einen besonderen Raum zu schaffen: Er hat Höhe und er hat Licht.
Licht wird in religiös genutzten Räumen fast ausnahmslos gezielt und gelenkt erlebbar, aber so, dass kein Ausblick ablenkt vom Geschehen.
Diesen Gedanken holen wir in den Raum der Stille mit einem geschwungenen “Regal”, das vor der Glasfassade steht und abschirmt.
Dieses Möbel vereint viele Aufgaben. Zuerst signalisiert es mit seiner geschwungenen Form Geborgenheit und gibt dem Raum eine Mitte. Das Regal besteht aus Fächern im Raster von 50 x 50 cm, die zum Teil offen sind, zum Teil mit öffenbaren Klappen versehen sind. Die Rückwand des Regals besteht in  den oberen drei Reihen aus  mattem Glas, sodass alle offenen oder geöffneten Fächer von hinten beleuchtet sind.
In den geschlossenen Fächern werden religiöse oder andere Gegenstände der verschiedenen Religionen, Konfessionen oder Gruppen bewahrt. Durch Öffnen bestimmter Klappen kann so z.B. eine Gebetsnische in Richtung Mekka entstehen oder ein Kreuz sichtbar werden.
In den unteren beiden Reihen des Möbels sind in offenen Fächern 25 Sitzwürfel untergebracht. In geschlossenen Fächern liegen die Gebetsteppiche. Alle wichtigen Elemente sind unmittelbar im Zugriff, ihre Benutzung verändert beständig das Aussehen des Möbels.
Mit dem Öffnen und Schliessen der Klappen wird auch die Lichtstimmung im Raum verändert - sowohl bei Tageslicht, wie bei Kunstlicht, denn hinter dem Schrank ist -neben einem zentralen runden Deckenlicht- ein  Leuchtband installiert. Damit wird auch von außen der Raum in seiner Nutzung ablesbar, ohne dass Einblick oder Erkennen möglich ist. Die großen Fassadenflächen sind vollständig mit matter Folie abgeklebt, sodass insgesamt ein diffuses, weiches Licht entsteht. Der Fussboden des Raumes der Stille besteht aus einem dunklen Randbereich, die Mitte in einer unregelmäßig gerundeten Form ist abgesetzt mit einem hellen Holzbelag. Das Holz findet sich wieder an den Schrankfächern des Regales und an einem Einbauschrank an der Eingangswand. Die so markierte Raummitte ist der Bereich, in dem vorzugsweise Zeremonielles stattfindet, z.B. das muslimische Gebet oder die christliche Andacht. Erst mit dem Betreten der mittleren Fläche ist man “mittendrin” - auf dem abgesetzten äußeren Bereich kann man Schuhe oder Garderobe ablegen. Platz dafür ist in dem rückseitigen Einbauschrank vorhanden.
Als (Altar)Tisch schlagen wir ein oder zwei quadratische Tische vor, die in einer Wandnische abgestellt werden können.
Zum Eingang hin wird der zentrale Bereich abgeschirmt durch eine geschwungene Wand. Sie schützt den zentralen Raum vor direktem Blick und bremst den Eintretenden, der durch die geschwungene Form aber bereits den Raum  wahrnimmt.
Die geschwungene Wand kann zur Raummitte hin abgeschirmt werden mit einem mehrteiligen Paravent. Das schafft für Musliminnen einen nicht einsehbaren Bereich. Die geflochtenen Rahmenfüllungen nehmen dabei Bezug auf tradierte Ornamentik.
Farben im Raum beschränken sich auf grau-anthrazit und Holztöne. Der Fußboden im äußeren Bereich ist anthrazit, aus Linoleum. Im Zentrum ist er hell aus Stabparkett. Das geschwungene Regal besteht aus hellem Holz, kombiniert mit mattem Glas rückseitig und  Klappen aus Stabholz.
Als Sitzhocker dienen allseitig mit grauem Filz bezogene Würfel. Die westliche Rückwand (Eingangsseite) ist ein Einbauschrank mit Stabholzoberfläche.
Die nördliche Rückwand ist als Hintergund grau-antrazith. In Abhängigkeit zur akustischen Bearbeitung des Raumes kann die gesamte Wand und die Innenseite der geschwungenen Wand mit grauem Filz (wie die Hocker) bezogen werden.
Die Eingangswand nimmt nach außen die zwei dominierenden Elemente des Inneren auf: eine anthrazit-farbige Wand und Tür mit einer Türumrahmung aus Stabholz. Beides schafft gestalterische Distanz zu der ziemlich unwirtlichen Hallenatmosphäre des Vorbereiches und signalisiert etwas Besonderes: den Raum der Stille.

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